Die Welt vor meinem Fenster

Die Welt vor meinem Fenster

Die Welt beschränkt sich auf meine Wohnung. 
Das Wohnzimmer ist der Marktplatz. Die Küche als Ausflug, wenn das eigene Zimmer zu eng wird. 
Der Spiegel im Flur, um die Wände verschwinden zu lassen. Badezimmer, schon wieder Aufstehen, 
wieder die weißen Kacheln, alles wieder und wieder, dasselbe Bad, derselbe Fleck auf dem
Waschbecken, 1, 2, 3, 4, 5, bis 20 Sekunden zählen, dann zurück ins Zimmer. Halte einen Meter
Abstand, wenn du mit deiner Mitbewohnerin sprichst. Esse nicht mit ihr im selben Raum.
Wieder an meinem Schreibtisch
Ich kann die Vögel bald beim Namen nennen, die auf dem Baum vor meinem Fenster sitzen.
Mein Fenster. Der Ausschnitt aus der anderen Welt, die jetzt schon seltsam fremd erscheint.
Überfüllt mit Sinnesreizen, unberechenbaren Szenerien, jeder Mensch, der den Weg kreuzt, ein
Fenster für sich. Der Blick hinaus wird schwerlich, die Sonne geht auf und unter, ohne dass ich die
Wärme auf meiner Haut spüre. Äste rascheln, ohne dass ich den Wind spüre. Nachbarn sitzen in
ihrem Garten und frühstücken, ich gucke zu, frühstücke an meinem Schreibtisch. Ihr Hund liegt faul
im Gras.Ich schreibe Tagebuch, obwohl nichts passiert. Die Tage mit mir selbst im Gespräch, was ich
gemacht habe, wie ich Stunden sinnvoll verbracht habe, ohne die Mauern näher kommen zu sehen.
Das Tagebuch als Tor zum Selbstbild. Wenn keine Impulse von außen kommen, müssen alle
Impulse selbst erschaffen werden. Bedrucktes Papier, Anmerkungen und Korrekturen… 
Die Welt vor meinem Fenster, radelt weiter vor sich hin, Straßen leer, Einkäufe, Angst vor Hunger, 
bald wird Nahrung knapp. Kriegszeiten brechen aus, ohne dass eine Armee hinausmarschiert, 
Erklärungen werden gesprochen, ohne dass ein Land das andere befällt. 
Krieg in den Köpfen, propagiert in den Kanälen der Neuzeit, und ich starre aus dem Fenster und 
sehe nichts – außer einer leeren Straße. 
„Hast du schon die Rede von Angela gehört?“ 
„Nee, habe ich nicht, hatte heute kein Internet.“ 
Ich verpasse alles, mein Fenster ist kein Blick zur Welt, die Welt spielt sich woanders ab, im Radio, 
im Fernsehen und im World Wide Web, aber nicht bei mir. 
Mein zu Hause ist totenstill. Nur Taubengurren. Und ab und zu ein Auto. Die Geschichte läuft 
weiter, die Gremien beraten, die Käufer kaufen alles leer, die Eilmeldungen blinken auf, ohne dass 
mein Bett, mein Tisch, meine Innenwelt sich verändern. Abgeschnitten, isoliert, kühl funktioniert 
mein Organismus zwischen weißen Wänden, träumt ohne Nachrichten und Werbung vorgeschaltet. 
Die Menschen sitzen hinter Plexiglas, hassen, wenn jemand hustet. Jeder, der niest, ist der Tod! 
Erlöst mein Fenster von dem gierigen Blick, der bis zur nächsten Kreuzung gucken will, lasst die 
frische Luft um meinen Körper schweben und nicht an mir vorbei ziehen. 
Es gilt, Ruhe zu bewahren. Niemanden anstecken. Komplette Isolation. Nicht unter einem Meter 
miteinander sprechen. 
Bleibt nur das Tagebuch zum stundenlangen Gespräch, räume die Zweifel in Zeilen hinfort, drücke 
die Wände beiseite mit Gedichten und Kurzgeschichten. 
Was bleibt, wenn die Außenwelt verschwindet? Die Innenwelt muss deren Platz einnehmen, sich 
ausdehnen. Mensch muss das Gehirn austricksen, wenn er allein ist. Sonst trickst das Gehirn den 
Menschen aus. 
Swantje Kautz, 19 Jahre