Der Apfelbaum in unserem Garten

Der Apfelbaum vor der Terrasse war unser Sorgenkind. Mit seinen verkrüppelten Ästen und seinen ungenießbaren und rätselhaft fleckigen Äpfeln bot er weder Mensch noch Tier irgendetwas Brauchbares. Er tat mir leid, wie er da so Jahr für Jahr vor sich hin vegetierte, und sich von seinem geliebten Nachbarn dem Kirschbaum sämtliches Lebenswichtige entziehen ließ. Für meinen Großvater, dem Hobbygärtner, war er stets ein Dorn im Auge. Das schwarze Schaf zwischen den üppigen Obstbäumen, Beerensträuchern und Rhododendren in den buntesten Farben. Wir waren die Nachbarn, dessen Gras grüner war. Oder wir hätten es sein können, stünde auf diesem Rasen nicht der knorrige, graue Apfelbaum. Auch meiner Mutter missfiel er. Sie müsse immer diese Trauerweide sehen, wenn sie nach der Arbeit auf der Couch sitze, maulte sie. Mich wunderte es, dass sie, trotz intensivem Fernsehschauens, den Baum überhaupt bemerkte. Und generell störte ich mich wenig an dem Baum. Im Gegenteil. Ich sah in ihm einen 4,5 Meter hohen Berg an Möglichkeiten. Hätte man ihn noch ein paar Meter höher wachsen lassen, hätte ich durch das Fenster im Zimmer meines Vaters, über das Dach, durch die trockenen und dennoch stabilen Äste des Baumes in den Garten gelangen können. Diese Idee war meinen Eltern leider zu abenteuerlustig, aber mir gefiel sie. Genau wie der Einfall, zwischen Kirsch- und Apfelbaum eine Hängematte unter den Gartenschirm zu spannen. Das hingegen war meinen Eltern zu Ich-weiß-auch-nicht. Ich wusste, sobald mir das Grundstück samt üppigen Obstbäumen, Beerensträuchern und Rhododendren gehören würde, gäbe ich dem Apfelbaum vor meiner Terrasse einen Sinn. So war der Plan, bis ich eines Nachmittages nach der Schule einen Fuß hohen, mickrigen, als Blumentopfständer missbrauchten Baumstumpf sah, wo einst das schwarze Schaf des Gartens gestanden hatte. Großvater hatte nicht nur den Baum, sondern auch sämtliche Pläne mit ihm abgesägt.

Melissa Pielenz