Wir tragen Masken

In Krankenhäusern gehörten sie wie die weißen Kittel, blauen oder grünen Anzüge und bequemen Gummischuhe zur Arbeitsausstattung: die Mund-Nasen-Schutzbedeckung aus Zellstoff. Auf der Straße sah man sie selten, eigentlich nie.
Inzwischen sind sie im Alltag angekommen. Sie verdecken den größten Teil des Gesichtes. Die freigebliebenen Augen nehmen jenen scheuen, ängstlichen Ausdruck an, den wir haben, wenn wir uns vor etwas fürchten. Wir befinden uns im potentiellen Zustand einer Krankheit, die überall auf uns lauern kann: auf Türklinken, Tischen, aus anderen Mündern oder Nasen schwebend, an ungeschützten Händen klebend. Die auch sogenannten OP-Masken hängen an Gummischlaufen über den Ohren, oftmals unter dem Kinn, wenn ihre Träger es satt haben, durch Zellstoff zu atmen und zu sprechen, und wenn sie selbst die aktuelle Gefahr nicht allzu extrem einschätzen. Einweg-Mund-Nasen-Bedeckungen bleiben in Einkaufswagen liegen oder werden auf Parkplätzen hinterlassen, wie Einkaufszettel und Quittungen, die nicht mehr gebraucht werden.
Auch Designer haben dieses neue Kleidungsstück entdeckt. Es gibt sie nun auch aus Stoff, passend zu jedem Outfit, mit witzigen Botschaften wie: kiss me later oder stay healthy, mit Blumen oder Totenköpfen bedruckt. Inzwischen haben wohl die meisten Leute die für sie passende Maske gefunden, die sie mit etwas mehr Selbstverständlichkeit tragen, oder mit dem Sinn für das Unausweichliche. Das Schneiderhandwerk hat Konjunktur, Nähmaschinen werden wieder funktionstüchtig gemacht und Stoffe jeglicher Art auf ihre Maskentauglichkeit geprüft. Sogar alte Herrenschlipse aus Seide sollen dafür infrage kommen. Empfohlen wird, Masken aus Stoff ebenfalls nur einmal zu tragen und anschließend bei mindestens 60 °C zu waschen, um sie keimfrei zu halten, was den Bedarf an ihnen erheblich erhöht. Am sterilsten gesichert ist man deshalb nach wie vor mit der bewährten Einweg-Mund-Nase-Abdeckung, auch wenn das unserem gewachsenen Umweltbewusstsein widerspricht. Gesellschaftlich hat die Hygiene - Maske einen neuen Wert bekommen. Sie ist über ihren medizinischen Zweck hinausgetreten und fügt sich ein in unsere Botschaften an die Welt, auf Dingen, die wir tragen oder benutzen. Somit verliert sie ein wenig von ihrem bedrohlichen Hintergrund und ist zu einem neuen Kulturobjekt geworden.

Ines Göbel