Online

 

Lisi sitzt mit geschlossenen Augen im Lotossitz. Das Licht fällt in den Raum und gibt ihr einen weichen hellen Schein. Ich habe es in die Life-Übertragung ihrer Yogastunde geschafft. Leider funktioniert der Ton nicht. Ich kann ihrer Meditation also nicht folgen. Es haben sich über zwanzig Teilnehmer angemeldet. Ich sehe sie ganz winzig auf ihren Matten am Bildschirmrand sitzen. Können sie etwas hören?  Funktioniert mein Tablet nicht? Brauche ich einen zusätzlichen Lautsprecher? Vom entspannten Yoga-Gefühl bin ich weit entfernt. Die ersten Chat-Nachrichten ploppen auf: Ich höre nichts. Ich auch nicht. Hallo Lisi!! Wir hören nichts!! Die Gesichter kleben an den Bildschirmen wie an Tür-Spionen, auf die eine Kamera gerichtet ist. Lisi ist ganz bei sich, aber dann spürt sie, ihre Community ist nicht bei ihr. Sie öffnet die Augen und sieht in fragende Gesichter. Nach einigen Versuchen stellt sich heraus, das Lautsprecherkabel steckt nicht fest genug im Laptop. Wir können nun alle die Spatzen hören, die sich vor ihrem Fenster in Rankweil versammelt haben und ihr Morgen-Meeting absolut live im Baum abhalten. Die Yogastunde beginnt eine halbe Stunde später. Lisi schließt das Fenster, damit wir an unseren Endgeräten in Österreich, der Schweiz und in Deutschland ihren Worten folgen können. 

Das Zeitalter der Live-Chats und des Online-Lebens ist manchmal etwas kompliziert. Nach vier Meetings am Bildschirm habe sie das Gefühl, man hätte ihr Zement ins Gehirn gefüllt. Diesen interessanten bildhaften Vergleich erfuhr ich letztens von einer Bekannten. Die Online-Manie ist für unsere Gehirne wohl manchmal noch eine Überforderung. Auch die Angst vor dem technischen Versagen der Geräte und der damit einhergehenden Abgeschnittenheit von der Welt haben wir noch nicht überwunden. „Sie sind offline!“ verkündet der Bildschirm meines Mobilefons mit unattraktivem grauem Hintergrund, als ich mir auf Spotify einen Podcast anhören möchte. Wieso das denn? WLAN funktioniert und das schnellste Internet habe ich nun auch. Was ist das Problem? Ich starte das Programm erneut und nun erscheint endlich die grüne Kugel mit den schwarzen Streifen. Vermutlich nur die Bluetooth-Verbindung. Unser Gehirn sei immerzu am Lernen, erfahre ich bei meiner Podcast-Recherche. Jede kleinste Erfahrung speichere es ab und werte sie für uns aus. Dabei mache es keinen Unterschied, ob diese real oder nicht real ist, entscheidend sei nur, wie intensiv diese Erfahrung stattfindet. Sind meine Sinne einbezogen, müsse ich sogar körperlichen Einsatz zeigen, oder stellten sich starke Gefühle ein, entwickelten sich bleibende Verbindungen zwischen den Synapsen. Die täglichen Kurzinformationen an Bildern, Videos und coolen Sprüchen haben also keine großen Chancen uns erhalten zu bleiben. Schade eigentlich, es wäre doch super, auch sie in irgendeiner Gehirndatei aufbewahren zu können und wie eine Kramkiste nach Lust und Laune hervorzuholen. Aber vielleicht ist unser Gehirn gerade dabei, sich diese Kompetenz anzueignen. 

Was den Reiz zusätzlich erhöht, mich online mit so vielen Themen zu beschäftigen, ist der geschützte Raum meiner Privatsphäre. Wenn ich in der Yoga-Stunde den Spagat auf der Matte nicht schaffe, ist das nicht peinlich für mich. Ich sehe nicht einmal, ob ihn die anderen hinbekommen und wenn mich der Ehrgeiz treibt, kann ich so lange üben, bis mein Körper irgendwann nachgibt. 

Mich erinnert die Online-Revolution zurzeit auch an die Serie Star Trek. Unbegrenzter technischer Fortschritt als Utopie der Zukunft, jede Idee eine Herausforderung, sie in die Tat umzusetzen. Das, was sich Science-Fiction-Autoren bereits in den 60er Jahren ausgedacht haben, ist heute zum Teil in der Realität angekommen. Wird es also auch bald Hologramme mit Realitätssimulatoren geben, mit denen man nach eigenen Bedürfnissen Fähigkeiten trainieren oder die eigenen Instinkte wachalten kann? Bliebe dann auch die Teleportation keine unfassbare Phantastik, sondern würde der Satz „Beamen Sie uns hoch, Commander!“ eines Tages in unserer Welt ernst gemeint ausgesprochen werden?  Dann wäre es möglich, an jedem Ort der Welt zu sein, ohne ihn mühsam bereisen zu müssen. Keine unnötigen Bildschirme. Keine Luft verschmutzenden Fahrzeuge mehr, auch das würde möglich sein. 

Das Festnetztelefon meldet sich. Eine achtzigjährige Bekannte möchte sich mit mir über die „Känguru Chroniken“ von Marc Uwe Kling unterhalten. Sie habe es geschenkt bekommen und sich anfangs durch das Buch gequält. Trotz der flapsigen Sprache und seines Staccato-Stils, dem nur einige Worte in einem Satz genügen, glaube sie, der Autor möchte auf diesem Weg junge Menschen zum Nachdenken über unsere Welt anregen. Ob ich dazu schon etwas sagen könne? Ich verspreche ihr, es herauszufinden. Sie bedankt sich und fügt hinzu, wie es sie freue, wenigstens am Telefon über Bücher reden zu können. Ein Gespräch, in dem man von einem Thema zum anderen kommt und sich gegenseitig die oftmals komplizierten Zusammenhänge in dieser Welt zu erklären versucht, sei ihr sehr wichtig. Sie erinnert mich daran, dass das Telefon ebenfalls eine Online-Technik ist, die heute weitaus weniger Schwankungen aufweist als zu Beginn ihrer Erfindung. 

Ich ziehe meine Laufschuhe an und nehme die Gedanken über den technischen Fortschritt mit, hinaus in die ganz reale Welt an der Spree, wo gerade die Blüten der Pflanzen mit ihren Farben, Formen und Düften einen absolut sinnlichen Frühling hinzaubern, so real, wie es kein Computerprogramm auf dieser Welt nachbilden kann. Zumindest bis heute.                               

Ines Göbel