Abstand

Wissen alle Autofahrer noch, wie lang der Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug sein sollte? Möglichst drei PKW-Längen. Wir haben das irgendwann in der Fahrschule gelernt.
In der Gegenwart lernen wir gerade, Viren können nicht weiter als 1,5 Meter springen, also halten wir Abstand zueinander, geben uns nicht die Hand, umarmen uns nicht und einige von uns haben begonnen, sich mit den Füßen zu begrüßen. Als ich das erste Mal vor REWE angeherrscht wurde, mir gefälligst einen Wagen zu holen, erinnerte mich das an eine Zeit, in der es mehr um die Einhaltung von Regeln ging und weniger um Mitgefühl und Verständnis füreinander. Doch beim Passieren der Kontrolle mit einem Einkaufswagen wurde mir freundlich erklärt, der Wagen ergebe genau den erforderlichen Abstand zu den anderen und deshalb bestünde diese Pflicht.
Inzwischen weiß ich, wie ich mich beim Einkaufen zu verhalten habe und desinfiziere meine Hände und den Griff des Einkaufswagens ohne ein Gefühl des Unbehagens. Die Menschen, denen ich begegne, wirken nicht mehr nervös, angespannt oder gar rücksichtslos auf mich wie am Anfang der Krise. Wir lächeln uns wieder an und nicken uns freundlich zu.
Der Einkauf ist nicht mehr mit Stress verbunden, dem Urstress der Nahrungssuche und der Angst vor Mangel und Entbehrung. Ich lerne daraus, dass uns Regeln sicher werden lassen. Wir halten sie gern ein, wenn wir deren Sinn und Notwendigkeit einsehen. Das gesellschaftliche Leben wird social distancing fortgeführt. Ursprünglich beschreibt das Wort den emotionalen Abstand zwischen den Menschen, doch in Zeiten einer globalen Krise kurzerhand auch den physischen. Social Distance sind Worte, die wie Homeoffice und Homeschooling nun zur Alltagssprache gehören und uns damit etwas Gewöhnlichkeit vermitteln.
Kreativität entwickle sich aus dem Nichtstun, heißt es wieder und das ist mir sehr sympathisch. „Sogar der Raum einer Nussschale kann uns wichtig werden, wenn wir selbst Fülle des Daseins mitbringen“ hinterließ uns der Dichter Novalis einen seiner Gedanken um die Bedeutung des Lebens. Neue Möglichkeiten der Beziehungspflege, des Einkaufens und der Selbstverwirklichung werden gefunden und ich empfinde eine durchaus kreative Situation. Es wird wieder gespielt mit dem, was da ist und neu eingesetzt werden kann. 
In der Eingangstür des Blumenladens im Kaufland stehen dunkel gebeizte Paletten. Der improvisierte Ladentisch präsentiert zwei kleine Schiefertafeln, auf denen der Blumenbestellservice angeboten wird. Dahinter Floristinnen bei der Arbeit. Ein kleiner Talk mit gebotenem Abstand und ein schöner Übertopf wird mir mit Gummihandschuhen übergereicht. 
Dann sitze ich wieder im Auto, sehe das Fahrzeug vor mir und gehe vorsichtig vom Gas. 
Jetzt müssten drei weitere Autos dazwischen passen.

Ines Göbel